Public! Über Coworking, Kopräsenz und die Bibliothek als Browser unserer Gesellschaft

Beitrag zur Blogparade „Public! Die Stadt und ihre Bibliotheken“ im Vorfeld des gleichnamigen Symposiums der Münchner Stadtbibliothek. Wenn man sich wie ich für das Thema …

Beitrag zur Blogparade „Public! Die Stadt und ihre Bibliotheken“ im Vorfeld des gleichnamigen Symposiums der Münchner Stadtbibliothek.

MSB_Banner_Public-1024x273

Wenn man sich wie ich für das Thema Coworking interessiert, stößt man auf den Begriff nahezu überall. Cafés werben damit für ihr offenes WLAN, manche Immobilienfirma nutzt den Begriff fürs Image und höhere Quadratmeterpreise, Unternehmen begründen damit die Verringerung von Büroflächen. Coworking ist ein Teil der Zukunft der Arbeit und vor allem ein nicht geschützter Begriff.

Was Coworking ist und was nicht, kann jeder für sich entscheiden und dies tuen vor allem Marketingabteilungen. Nichtsdestotrotz ist Coworking ein spannendes Konzept für den öffentlichen Raum. Besonders spannend finde ich, dass der Begriff (auch durch Artikel von mir) immer öfters mit Bibliotheken verbunden wird. Diese Orte inspirierten einst die ersten Coworking Spaces.

Bibliotheken werden Coworking Spaces

Beispielsweise hat sich die Bibliothek der Technischen Universität in Delft in den vergangenen Jahren von einer Bibliothek in ein Coworking Spaces gewandelt. Und dies mit strategischer Absicht. Ähnliche Beispiele lassen sich im Mechanics‘ Institute in San Francisco und auch der Kölner Stadtbibliothek beobachten. Nun inspirieren Coworking Spaces auch Bibliotheken.

Bis Ende 2016 war Liesbeth Mantel als Head of Open Space an der Delfter Universitätsbibliothek tätig. Sie gestaltete seit 2009 den Umbau der Bibliothek in einen Ort der Arbeit „mit verschiedenen Abteilungen wie Ruheräumen, Arbeitsplätzen zum Zusammenarbeiten und Basteltischen.“ Die Inspiration dazu bekam sie durch die Debatten um Coworking in den sozialen Medien.

Wir wollten neue Wege des Arbeitens einschlagen, um fröhlichere Mitarbeiter zu haben (…) und für mich war ein eigenes Büro nie praktisch“, erklärt sie mir gegenüber im Gespräch, als ich sie im Rahmen einer Pressereise, auf Einladung des Deutschen Bibliotheksverbands, in Delft besuchte. Die Angestellten der Bibliothek nutzen den gleichen Raum wie Besucher*innen der Bibliothek.

Kopräsenz statt Coworking

Bibliotheken müssen aber keine Coworking Spaces werden. Auch nicht alles, was in Bibliotheken stattfindet, muss als Coworking bezeichnet werden. Katrin Schuster bemerkt dies richtigerweise in ihrem Blogpost „Freie Räume, neue Gemeinschaften. Die Bibliothek als real-digitale Schnittstelle“ für das Blog der Münchner Stadtbibliothek und schlägt den Begriff Kopräsenz vor:

„Immer mehr Menschen wollen nicht nur leihen und zurückbringen, sondern in der Bibliothek sein, um dort zu lesen, zu lernen, zu schreiben, und das geschieht nicht selten gemeinsam mit anderen. Da der Begriff des Coworking zuallererst ein Geschäftsmodell meint, würde ich das, was hier sichtbar wird, lieber als Bedürfnis nach oder Lust an Kopräsenz bezeichnen, da damit auch die politische Implikation (die bei Coworking höchstens über Umwege zu Buche schlägt) dieser Form der öffentlichen Gemeinschaft benannt wäre.“

Aber der Begriff Kopräsenz dient Schuster nicht nur zur Unterscheidung zum Geschäftsmodell Coworking, sondern auch um hier die politische Ebene von Kopräsenz aufzuzeigen, wie sie der kanadische Soziologe Erving Goffman bereits Anfang der 1970er erfasst hat. Goffman definiert Kopräsenz in seinem Buch „Interaktion im öffentlichen Raum“ (1971) wie folgt:

„Die einzelnen müssen deutlich das Gefühl haben, dass sie einander nahe genug sind, um sich gegenseitig wahrzunehmen bei allem was sie tun, einschließlich ihrer Erfahrung der anderen, und nahe genug auch um wahrgenommen zu werden als solche, die fühlen, dass sie wahrgenommen werden.“

Damit erweiterte Goffmann den Begriff der Interaktion, um die Bedeutung der Wahrnehmung als Teil von Kommunikation. Nicht allein das Senden und Empfangen von Informationen gestaltet einen Informationsfluss, auch die „Gegenseitigkeit von unmittelbar sozialer Interaktion“, wie Goffmann schreibt. Bereits durch gegenseitige Wahrnehmung findet ein Austausch statt.

Kopräsenz meint also nicht allein die oft stille aber gemeinsame Nutzung von vorhandener Infrastruktur und Dienstleitungen (wie Tische, Stühle, Drucker und Kaffee, etc.), sei es in Coworking Spaces oder Bibliotheken, sondern auch die Wahrnehmung der anderen. Auch diese anderen Menschen sind Teil des öffentlichen Raumes, wie man selbst. Sie sind einem darin gleich.

Dies ist meines Erachtens eine der wesentlichsten Grundlagen des demokratischen Diskurses einer Gesellschaft: die Anerkennung des Gegenübers als Teil der gleichen Öffentlichkeit. Ein wichtiger Gedanke in unserer heutigen Zeit. Noch einmal: Bibliotheken können Coworking Spaces werden, sie müssen es aber nicht. Wichtig ist, dass sie öffentliche Räume sind.

Wie ein analoger Browser unserer Gesellschaft

Bibliotheken sind schon jetzt auch Orte, an dem Gesellschaft stattfindet. Maßlose Privatisierung von öffentlichen Raum wird dies noch verstärken. Bibliotheken sollte deshalb nicht als Bücher und andere Medien in sich verwahrende Institutionen gestaltet werden, sondern als offener Raum, den Menschen so nutzen können, wie sie es wollen. Frei von jeglichen Vorgaben.

Nichtsdestotrotz werden Menschen hier auch weiterhin den Zugang zu Wissen suchen, sei es in Büchern oder anderen Medien. Bei der rechtlichen Modernisierung des Urheberrechts und von Schrankenregelungen, muss dies berücksichtigt werden, damit Bibliotheksbenutzer*innen auch weiterhin freien Zugang zu Informationen zur privaten oder wissenschaftlichen Nutzung haben.

Auch Events werden bedeutsamer, wenn es um das Erlernen neuer Fähigkeiten geht. Angebote zur nicht-textbasierten Wissensvermittlung müssen aber nicht allen von der Bibliothek organisiert sein, es reicht den Raum für solche Formate zur Verfügung zu stellen. Bibliotheken müssen statt „Buch-Behälter“ zu sein, als Plattformen gedacht werden, die Zugang zu Informationen und Raum bieten.

Während des Schreibens kommt mir immer wieder das Bild des Browsers als Metapher für die zukünftige Bedeutung von Bibliotheken in den Sinn. Dieses Programm zur Darstellung von Webseiten oder allgemein von Dokumenten und Daten, nutze ich täglich. Es ist mein Zugang zu Informationen, mein Portal in die Welt und Menschen, Instrument für die Arbeit und Kommunikationsmittel.

Der Browser ermöglicht mir, nahezu alles zu machen, was ich möchte. Sei es zu arbeiten, mit Freunden zu kommunizieren, mich zu bilden oder einfach auch nur unterhalten zu werden. Ähnlich bedeutend kann und muss der öffentliche Raum Bibliothek für unsere Gesellschaft werden bzw. einfach auch bleiben. Wir brauchen öffentliche Bibliotheken. Dafür müssen sie aber offen für Neues sein.

Image by Janko Ferlic, CC0 Public Domain