Medienkritik: Warum WeWork & Co. keine Coworking Spaces sind

Zurzeit kann ich ohne einen AdBlocker nahezu kein deutsches Medienangebot aufrufen, ohne eine Anzeige von Mindspace zu sehen, die mich darüber informiert, dass die …

Zurzeit kann ich ohne einen AdBlocker nahezu kein deutsches Medienangebot aufrufen, ohne eine Anzeige von Mindspace zu sehen, die mich darüber informiert, dass die aus Tel-Aviv stammende Firma Mindspace bald Coworking Spaces in Berlin und Hamburg eröffnet.

Mindspace-Coworking-in-Berlin-2Das ist an sich nicht besonders, das Bürolösungen verkaufende Unternehmen Regus wirbt seit Jahren in der Google-Suchmaschine für seine Business Center mit dem Begriff Coworking. Wer einmal in so einem Business Center war, wird sich getäuscht fühlen.

Ähnlich ist es zurzeit bei WeWork, mit dem Unterschied, dass das Unternehmen kaum selbst den Begriff Coworking nutzt. Ganz anders die deutschsprachigen Medien, die über das New Yorker Immobilienunternehmen berichten und es als Coworking Space bezeichnen.

WeWork, Mindspace, Regus & Co. haben durchaus ihre Existenzberechtigung, denn sie bieten einen Service an, den viele Unternehmen nachfragen: Fläche. Warum das aber kein Coworking ist, habe ich im Nachgang der Cowork 2016 auf meinem Tumblr erklärt.

Die deutschsprachigen Medien verstehen Coworking nicht

Mich irritiert, dass deutsche Journalisten das überhaupt nicht begreifen (wollen). Als der Online-Marktplatz twago im Dezember 2015 seinen Freelancer-Report (wieder einmal) mit einer Coworking-Umfrage bewarb, wurde die Pressemitteilung unkritisch übernommen.

Medien enttäuschen beim Thema Coworking

Auf t3n übernahm Lea Weitekamp die Pressemitteilung genauso wie Jürgen Stüber für die Berliner Morgenpost. Meiner Meinung nach hat zuletzt nur Mike Schnoor im Blog von Vodafone sachlich korrekt über Coworking Spaces auf Deutsch geschrieben.

Ganz anders englischsprachige Medien: Maya Kosoff von Business Insider UK bezeichnet WeWork als „office rental company“ und Bloomberg Business titelt zu WeWork „Your New Landlord“. Die URL zum Artikel von Andrew Rice enthält den Abschnitt „real-estate-empire“.

Die Liste lässt sich fortsetzen: Digbijay Mishra nennt WeWork in ihrem Artikel für die Times Of India ein „office rental startup“, Lauren Elkies Schram bezeichnet WeWork in ihrem Artikel für den Commercial Observer als „once-in-a-lifetime real estate opportunity“.

Augen öffnende Zahlen – wenn man sie versteht

Der beste Beitrag über WeWork kommt von Alex Konrad für Forbes. Im Artikel erklärt er das Interesse von Mort Zimmermann, Vorstand von Boston Properties, an WeWork, wie sie das Immobiliengeschäft verändern und warum WeWork Rekordbewertungen bekommt.

Ein Blick in die Zahlen lohnt sich nämlich. Dies hat auch Nils Jacobsen auf Meedia getan, der darüber berichtet, dass WeWork jetzt mit einer Bewertung von 16 Milliarden US-Dollar wertvoller als Twitter ist. Es stellt sich die Frage, wie das geht. Zumindest mir als Leser.

Wer das Geschäft von Coworking Spaces kennt, wird verstehen, dass solche Bewertungen nichts mit Coworking zu tun haben. Ich habe mir über 50 Coworking Spaces in ganz Europa angeschaut. Ein Milliarden-Dollar-Business habe ich nicht gesehen.

Und wie auch? Selbst das Berliner St. Oberholz ist mit 189 Euro pro Monat für die Mitgliedschaft (inkl. 24/7-Zugang, Kaffee-Flatrate und Events) eines der preiswertesten Coworking Spaces hierzulande. Ein ähnlicher Service bei WeWork startet ab 450 Euro.

Business Center sind keine Konkurrenz für Coworking Spaces

Deshalb stellen WeWork, Mindspace & Co. auch keine wirtschaftliche Bedrohung für Coworking Spaces dar, denn kein Freelancer wechselt für bis zu 300 Euro mehr im Monat in eines dieser Business Center, die eine ganz andere Art von Community haben.

99-Problems-Coworking

In den USA werden bis 2020 rund 40 Prozent der Arbeitnehmer Freelancer sein, die wohl auf der Suche nach einem Platz zum Arbeiten in Coworking Spaces landen werden. Deshalb wird sich wohl auch in den USA die Anzahl der Coworking Spaces bis 2020 verdoppeln.

Die anderen 60 Prozent der Arbeitnehmer werden in den Büros ihrer Arbeitgeber sitzen, nur werden diese sich zum größten Teil in Business Centern wie denen von WeWork befinden. Business Center und Coworking Spaces werden in Zukunft der Raum für Arbeit sein.

Ein Unternehmen, das den kompletten Service sucht und sich um nichts in seinen Büros kümmern möchte, wird zu WeWork & Co. gehen. Das Unternehmen, das Innovation und Offenheit sucht, wird seine Angestellten in Coworking Spaces schicken.


Disclosure: Ich bin im Gründungsvorstand der German Coworking Federation und seit Januar 2016 auch Coworking Manager des St. Oberholz. In den letzten drei Jahren habe ich das Blog Netzpiloten.de geleitet.