Funkhaus Wallrafplatz: „Sind deutsche Medien technikfeindlich?“

Am Samstag war ich zusammen mit dem Blogger Michael Seemann zu Gast in der WDR5-Sendung "Funkhaus Wallrafplatz", um über die vermeintliche Technikfeindlichkeit deutscher Medien …

Am Samstag war ich zusammen mit dem Blogger Michael Seemann zu Gast in der WDR5-Sendung „Funkhaus Wallrafplatz„, um über die vermeintliche Technikfeindlichkeit deutscher Medien zu sprechen. Zu unserer eigenen Überraschung hatten Michael und ich sehr unterschiedliche Positionen eingenommen, die sich aber durch unterschiedliche Blickwinkel erklären lassen.

Der Blick von Michael Seemann kam aus einer anderer Richtung. Seiner Meinung nach herrscht in der Gesellschaft eine Technikfeindlichkeit vor, die teilweise durch technophobe Berichterstattung befeuert, einen vernünftigen und notwendigen Diskurs über die Fragen des digitalen Wandels in unserer Gesellschaft verhindert. Schaut man sich das den Anlass für die Sendung gebende Titelbild des Hamburger Printmagazins „Der Spiegel“ vom 28. Februar 2015 an, möchte ich ihm nicht widersprechen.

Deutsche Medien sind nicht technikfeindlich

Wie ein Musterbeispiel für technophoben Boulevardjournalismus zeigt es die Firmenchefs von Apple (Tim Cook), Uber (Travis Kalanick), Google (Sergey Brin), Yahoo (Marissa Meyer) und Facebook (Mark Zuckerberg), darunter die Überschrift „Die Weltregierung“ mit der zumindest für den Spiegel feststehenden Behauptung, „wie das Silicon Valley unsere Zukunft steuert„. Mit anderen Personen, aber dem gleichen Titel findet man solche Designs nur auf von Verschwörungstheorien motivierten Protestkundgebung.

In der eigentlichen Titelgeschichte des Journalisten Thomas Schulz ist dann kaum etwas von dieser skurillen Verschwörung zu spüren. Schulz spricht zwar am Anfang des Textes von den alles kontrollieren wollenden „Masters of the Universe„, doch sobald er Repräsentanten dieser vermeintlichen Verschwörung zu Wort kommen lässt, nennt er sie nur noch „Weltveränderer„, die an „eine bessere Zukunft durch Technologien“ glauben.

Im Gegensatz zu manch Artikel des Feuilleton der F.A.Z. oder Kampagnen ähnlich der „Mein Kopf gehört mir“ im Handelsblatt, kann man dem Spiegel an sich keine Technikfeindlichkeit vorwerfen. Höchstens billigen Populismus in der Gestaltung des Covers. Und auch in der F.A.Z. und im Handelsblatt gab es bereits vernünftige Artikel zum digitalen Wandel. Die kritische Hinterfragung dessen durch deutsche Medien ist auch nicht technophob, dass unbegründete Verurteilen alles Digitalen allerdings schon. Dies bleibt aber meist auf einzelne Meinungsbeiträge beschränkt.

Das tun deutsche Medien aber per se nicht. Mir ist keine Zeitung, Magazin oder Blog bekannt, dass sich per se gegen die Digitalisierung unserer Gesellschaft ausspricht. Viel mehr versuchen die Medien notgedrungen, den Wandle zu verstehen und trotz ihn noch Geld zu verdienen. Wenn auch seltener mit Journalismus. In Vorträgen über die Zukunft des Journalismus in Googles Hauptstadtbüro sind auch stets VertreterInnen von Zeitungen wie der F.A.Z. zu Gast, egal was am Vortag im Feuilleton wieder für ein Unsinn verbrochen wurde.

Medien sind mehr als ihre Berichterstattung. Schaut man sich die Geschäftsmodelle von Axel Springer abseits des Bereichs Presseverlag an (Link), wirft einen Blick in die Zeitungs-Druckerei der Chemnitzer Lokalzeitung „Freie Presse“ („eine der modernsten Zeitungs-Druckerein Deutschlands„) oder zählt einmal Apple-Computern in den heutigen Redaktionen, wird man feststellen, dass eine Technikfeindlichkeit nicht vorherrscht.

Ist die Gesellschaft technikfeindlich?

Die Frage der Sendung kann ich zwar hier klar beantworten, in der Sendung an sich konnte ich es nicht, denn in den vierzig Minuten Diskussion mit den ZuhörerInnen ging es an keiner einzigen Stelle um die Medien oder ihre Berichterstattung. Stattdessen wurde entweder die digitale Rückschrittlichkeit Deutschlands kritisiert („Es ist gang und gebe, dass man überall im Silicon Valley WLAN angeboten bekommt!„) oder die drohende Überwachung der Menschen im und durch das Digitale befürchtet („allwissendes Regime„).

Michael Seemanns These von einer Technikfeindlichkeit in der Gesellschaft war zutreffender als gedacht. Wäre danach gefragt worden, hätte ich auch keine Gegenposition eingenommen. Dazu sind seine Ansichten und meine auch zu ähnlich. Mit den ZuhörerInnen zu sprechen war eine interessante Erfahrung und gab wahrscheinlich einen guten Blick in die durchschnittliche Meinung der Deutschen über den digitalen Wandel.

Technologien wie das Internet der Dinge verunsichern die Menschen. Verständlich, wenn man in den deutschen Medien liest, dass selbst Fernseher einen abhören können. Den sozialen Druck sich in den sozialen Medien zu engagieren, spürten die wenigstens AnruferInnen und zeigten deshalb auch dafür wenig Verständnis. Dies mag zwar von verschiedenen Faktoren abhängig sein, dass es aber den Druck zur Vernetzung gibt, ist meiner Meinung nach nicht zu leugnen. Das ist an sich nicht neu, bei den jüngeren Generationen und Menschen in neuen Berufen findet dies heutzutage aber vor allem digital statt.

Eine gewisse Form von Technikfeindlichkeit in der deutschen Gesellschaft gibt es meiner Meinung nach schon. Einer von vielen Gründen dafür ist die bisher den digitalen Wandel verschlafende Politik. In der letzten Legislaturperiode gab es im Bundestag eine erste Enquete-Kommission zu dem Thema, seit einem Jahr tagt der Bundestagsausschuss „Digitale Agenda“ und seit Oktober 2014 gibt es ein netzpolitisches Regierungsprogramm der Bundesregierung. Alles gut zehn Jahre nach der Gründung von Facebook und YouTube, um dies einmal zeitlich einzuordnen.

Politik und Medien müssen den digitalen Wandel erklären

Journalismus hat die Aufgabe komplexe Vorgänge zu dokumentieren und zu erklären. Durch die Themenwahl der Berichterstattung wird zugleich festgelegt, was wichtig ist. Wichtig ist die Digitalisierung unserer Gesellschaft. Medien sollten viel mehr über den Ausschuss „Digitale Agenda“ berichten und das nicht allein Netzpiloten.de und Politik-Digital.de überlassen. Die Politik muss den medialen Druck und das dadurch entstehende öffentliche Interesse viel stärker spüren.

Die Politik hat die Aufgabe den digitalen Wandel gesetzgeberisch zu gestalten. Die Themen liegen auf den Tisch – gesetzliche Festschreibung der Netzneutralität, Modernisierung und Liberalisierung des Urheberrechts, gezielte Förderung der Industrie 4.0, etc. – doch die politischen Antworten darauf sind noch zu kurz. Gesetze wie das Leistungsschutzrecht für Presseverlage zeigen, dass kurzfristiges Eigeninteresse oft mehr Schaden als langfristige Politik mit Perspektiven gemacht wird.

Die Medien müssen die Gesellschaft durch eine noch bessere Berichterstattung über den digitalen Wandel dazu in der Lage versetzen, kompetent den politischen Prozess begleiten zu können und auf Klärung der drängenden Fragen zu bestehen. Die Politik muss endlich handeln und durch die Gestaltung des digitalen Wandels die offenen Fragen der Menschen klären, damit diese den digitalen Wandel nicht nur mit Sorge betrachten, sondern ihn annehmen und nutzen.