Medien brauchen schnelles Internet und Netzneutralität

Chefredakteur von Bild.de zu sein muss einer der letzten Posten für Universalgelehrte in Deutschland sein. Julian Reichelt erfüllt diese Aufgabe seit Februar 2014 und …

Chefredakteur von Bild.de zu sein muss einer der letzten Posten für Universalgelehrte in Deutschland sein. Julian Reichelt erfüllt diese Aufgabe seit Februar 2014 und das wohl ganz gut. Vom profilierten Kenner der deutschen Außenpolitik („Große Klappe, nix dahinter!„) bis zum scharfsinnigen Analytiker ausländischer Technologieunternehmen („Warum Apple untergeht„) deckt er alles ab. Nebenbei führt er auch noch ein zugegebenermaßen sehr erfolgreiches Online-Medium und das auf einem sehr hohen Niveau. Auch der manchmal zu verachtende Boulevard-Journalismus der Bild-„Zeitung“ ist professionelles Handwerk. Und dann ist da ja noch Politik zu machen. Im Interview mit dem Branchendienst Newsroom.de fordert Reichelt ein „flächendeckend schnelles Internet„. Für ihn ist der Breitbandausbau die „absolute Basisvoraussetzung, damit sich ein Land weiter entwickeln kann„.

Wo er Recht hat, hat er Recht. Verena Renneberg, Professorin für Online-Journalismus an der Berliner Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft (HMKW), unterstützt seine Forderung: „Deutschlandweites DSL wäre für die Bürger sicher wichtiger und dringender als Maut und Co.„. Auch Kollegen von Julian Reichelt unterstützen ihn, wie zum Beispiel Rieke Havertz, Online-Chefin der taz, oder Stefan Plöchinger, Chefredakteur von Süddeutsche.de. „Journalistenkollegen unterstützen Reichelt-Forderung“ titelt Kress.de. Doch der Breitbandausbau hat nur bedingt was mit Journalismus zu tun. Plöchinger bringt das gut auf den Punkt: „Schnelles Internet ohne Barrieren, zu günstigen Preisen, im Festnetz und unterwegs – wer will das nicht? Natürlich ist das eine konstituierende Infrastruktur einer modernen Demokratie. Ich sage das aber aus sehr grundsätzlichen Erwägungen, nicht weil ein Netzausbau ganz dringend im Interesse meiner Redaktion läge„.

Anders als Reichelt. Im Interview mit Newsroom.de kommt das auch offen zu Tage. Wenn Reichelt sagt, „wir benötigen flächendeckend schnelles Internet„, meint er nicht wie Plöchinger oder „Emder Zeitung“-Chefredakteur Stefan Bergmann („Der Zugang zu schnellen Internet wird hoffentlich schon bald ein Menschenrecht sein.„) uns Bürger dieser Demokratie, die davon abhängig sind, sondern Bild.de, die an hochwertige Reportage-Formate für die YouTube-Community arbeiten und diese auch möglichst schnell an die eigene Leserschaft gestreamt wissen wollen. Macht Reichelt Politik ist es in erster Linie Politik fürs eigene Haus. Würden wir nicht alle vom Breitbandausbau abhängig sein, müsste man eigentlich fordern, dass die Axel Springer AG den Breitbandausbau mitfinanzieren sollte, schließlich baut deren Geschäftsmodell auf den schnellen Zugang zum Internet auf. Bei Google wird man bei diesem Gedanken sicher leicht schmunzeln.

Auch ich finde, an sich wie Reichelt, dass schnelles Internet „eine der wichtigsten Voraussetzungen für die digitale Zukunft des Landes“ ist, wie ich auf Anfrage von Newsroom.de-Chefredakteur Bülend Ürük formulierte. Das hat aber in erster Linie gar nichts mit Journalismus zu tun, sondern stellt eine gesamtgesellschaftliche Notwendigkeit dar. Wichtiger ist aber, dass die Netzneutralität gesetzlich fest geschrieben wird, damit auch Medien wie wir Netzpiloten, die sich im Gegensatz zur Bild.de keine „Vorfahrt“ im Netz leisten könnten, auch bei schnellem Internet gleichberechtigt Inhalte verbreiten können. Dies muss für alle Plattformen gelten, denn unsere Inhalte sind zum Beispiel nicht nur auf der eigenen Website zu finden, sondern unter anderem auch auf Soundcloud und YouTube ( wie die von uns unterstützte Interviewreihe „Durchgedreht mit…“ oder die gemeinsam mit Politik-Digital.de organisierten „Berliner Hinterhofgespräche„). Diese Forderung, eine gesetzlich Festschreibung der Netzneutralität, liest man auf Bild.de aber selten, mit Ausnahme von Nico Lummas Netz-Kolumne. Das sollte Reichelt eigentlich auch fordern.

Image by Phil Roeder (CC BY 2.0)