Zum Fall des MDR-Journalisten Michael Voß: Wehret den Anfängen!

Ein mahnender Hinweis auf eine erfundene Geschichte an einen diese weiterverbreitenden Journalisten des MDR, entwickelte sich zu einer Diskussion über die Verantwortung des Journalismus …

Ein mahnender Hinweis auf eine erfundene Geschichte an einen diese weiterverbreitenden Journalisten des MDR, entwickelte sich zu einer Diskussion über die Verantwortung des Journalismus in Zeiten der PEGIDA-Bewegung, sowie die nicht mehr existierende Trennung von Privatheit und Beruf als Journalist. Doch anstatt mit Einsicht auf die bis dahin sachlich geführte Debatte zu reagieren, antwortete der angesprochene MDR-Journalist Michael Voß mit unsachlicher Kritik, in der es einen islamophoben Kern gibt, den ich mit diesem Blogeintrag genauer untersuche. Hat der Journalist Michael Voß nicht nur professionell versagt, sondern auch als Christ, der seinen Glauben durch die vermeintlich drohende Islamisierung bedroht sieht?

Konfliktebene I: Journalismus trägt Verantwortung

Die Debatte um den zu kritisierenden Tweet des MDR-Journalisten Michael Voß wirkt auf den ersten Blick wie ein klassischer Sachkonflikt, der sich auf eine konkrete Situation bezieht, die rational bewertet und diskutiert werden kann. Auf die von der BILD-„Zeitung“ erfundene Aussage des grünen Bundestagsabgeordneten Omid Nouripour, dass angeblich zur Weihnachtszeit muslimische Lieder in christlichen Kirchen gesungen werden könnten, reagierte Michael Voß mit einem Tweet, in dem er schrieb: „‚Muslimische Lieder in #christlichen #Gottesdiensten? Entschuldigung, aber langsam reicht es.“ Mehrere Menschen auf Facebook und Twitter wiesen Voß auf den Artikel des BILDblog hin, indem Mats Schönauer die wirkliche Geschichte recherchierte und belegt darstellte.

Doch Voß ignorierte diese nett gemeinten Hinweise und positionierte sich weiterhin stur zu dem Inhalt der erfundenen Forderung. Muslimisches Liedgut dürfe laut Voß nicht in einem christlichen Gotteshaus gesungen werden. Daraus entspann sich dann eine Diskussion zwischen ihm und mir, in der es nur um sein kritikwürdiges Verhalten vor dem Hintergrund seines öffentlich angegebenen Berufes ging. Mein Blogeintrag über Voß löste vor allem auf Twitter eine Debatte darüber aus, ob ein Journalist einer Rundfunkanstalt, in deren Sendegebiet die schlimmsten Proteste der PEGIDA-Bewegung stattfinden, eine rein private Meinung äußern darf bzw. sollte, die dem verwerflichen Gedankengut dieser selbst ernannten Abendlandsfreunde weitere Argumente in der Debatte liefert?

Die Debatte war rational schnell beantwortet: Nein. Viele JournalistInnen bekannter Medien positionierten sich da klar, denn eine vielleicht wünschenswerte Trennung von Privatheit und dem Beruf ist nicht realistisch. Ein Mitarbeiter vertritt analog wie auch digital genauso seinen Arbeitgeber, wenn er oder sie sich öffentlich äußern. Das ist auch der Grund, warum sich der RBB von Ken Jebsen trennte oder RTL kürzlich den Journalisten kündigte, der sich gegenüber dem NDR mit PEGIDA-bekannten Aussagen äußerte. Solche verantwortungslos handelnden Journalisten bestätigen PEGIDA-AnhängerInnen ihr ‚Bild von den Medien‘, wie es jetzt auch Voß tut, in dem er die sich mit ihm beschäftigende Kritik auslöst. Für diese Menschen wirkt es nämlich so, als ob ein Journalist von der ‚Systempresse‘, der sich traut die Wahrheit zu sagen, dafür dann angegriffen wird.

Die Verantwortung dafür trägt Voß allein, denn als Journalist hat er sich falsch verhalten. Der Kommentar von Marcel Leubecher, Politikredakteur von Die Welt, zum Fall des RTL-Redakteur passt auch auf Voß: „Dämlich ist die ganze Geschichte vor allem deshalb, weil jene Abendlandsfreunde, die in ‚den Medien‘ eine große Täuschungsmaschinerie sehen und der ‚Systempresse‘ nur das schlechteste unterstellen, nun scheinbar bestätigt bekommen, was sie ’sowieso schon immer gewusst‘ haben.“ An der Stelle sei mir ergänzend noch einmal der Verweis auf Brendan Gallagher erlaubt, der auf Complex.com passend erklärte: „We get it. You don’t want your boss to fire you for the dumb shit you write on Twitter. This is the wrong way to go about it. First of all, if you say something stupid on the Internet and the Internet recognizes the stupidity of the thing you said, there is no saving your job.

Rational betrachtet hat der MDR-Journalist Michael Voß wissentlich eine erfundene Geschichte dadurch aufgewertet, indem er die Aussage trotz besseren Wissens der Entstehung, aufnahm und sich dazu positionierte. Ein krasses Fehlverhalten eines Journalisten, der sich der Verantwortung des Journalismus entweder nicht bewusst ist oder nicht bewusst sein will. Das ist klar und unstrittig, weshalb ich mich mit Voß‘ Aussage und der über die Weihnachtstage abgelaufenen Diskussion näher beschäftigen möchte, zu der sich bisher nur Voß auf irritierend falsche Art und Weise äußerte.

Konfliktebene II: Voß fürchtet die Islamisierung des Abendlandes

Verfolgt man den Verlauf der Diskussion, sowie die emotionalen und unsachlichen Reaktionen von Michael Voß wird klar, dass die Konfliktebene wesentlich tiefer als nur auf der Sachebene liegt und der Eindruck, dass es sich um einen rational zu betrachtenden Sachkonflikt handelt, nicht stimmt. Der Ursprung des Konflikts offenbart sich in den Äußerungen und Reaktionen von Michael Voß meist zwischen den Zeilen und nur selten direkt. Diese Ebene ist durch die reine Negierung ihrer Existenz schwerer zu erfassen, denn die wahre Ursache des vordergründigen Sachkonflikts wird entweder gar nicht entdeckt oder bewusst außer Acht gelassen. Letzteres ist die vielleicht unfreiwillige Strategie von Michael Voß, der durch das Ignorieren dieser tiefer liegenden Konfliktebene eine mögliche Konfliktlösung verhindert. Diese Komponente ist aber bei jedem Konflikt sorgfältig zu prüfen, was ich hiermit versuche, denn Voß stellt sich immer mehr als ein Opfer dar, was eine Täuschung ist – von sich selbst und der Öffentlichkeit.

Um sich seine Argumentation, er reagiere nur auf die Forderung von muslimischen Liedern in christlichen Gottesdienste, passend zu gestalten, ignoriert er zum einen in einer für einen Journalisten unglaublich unprofessionellen Art und Weise die Entstehung der Lügengeschichte durch die beiden BILD-Redakteure Karina Mößbauer und Ralf Schuler, zum anderen deutet er die wirkliche Aussage von Nouripour stets um, so dass er eine abzulehnende Bedrohung darin sehen kann. Weder Nouripour, noch jemand anders, forderte, dass muslemische Lieder in christlichen Kirchen gesungen werden sollen. In einem Statement auf Facebook, welches Voß mir sogar in einer von mir zu veröffentlichenden Gegendarstellung selber zitierte, sagte Nouripour, „dass die Forderung nur dann Sinn mache, wenn dann auch Weihnachtslieder in der Moschee gesungen werden würden.“

Zu diesem Vorschlag des gegenseitigen Liedertauschs hat Voß sich nie geäußert. Christliche Lieder in Moscheen, unabhängig von den muslimischen Riten betrachtet, ist für Voß kein Thema, denn es geht ihm einzig und allein um den vermeintlichen Schutz des Christentums vor den Einflüssen einer anderen Religion, zu der Voß eine klare Grenze ziehen will. Wie schon mit seinem skandalös schlechten Verhalten als Journalist, ist Voß zum Glück auch als bekennender Christ mit seiner Position alleine, denn Forderungen wie des Münsteraner Geschichtsprofessors Thomas Großbölting, dass die, „die an einen anderen Gott glauben hier willkommen sind und viel stärker als Glaubensbrüder und Glaubensschwester begriffen werden als eine Konkurrenz, die dem Christlichen irgendetwas abschneiden würde„, wie er dem Kirchenprogramm des Sachsen-Anhalter Radiosenders SAW sagte, finde immer mehr AnhängerInnen.

Recherchen des Journalisten Yassin Musharbash zeigen, dass die Kirchen sich zwar vorsichtig zu PEGIDA positionieren, aber weder eine Islamisierung als Bedrohung sehen, noch die Menschen unterstützen, die deren Werte und Maßstäbe angeblich verteidigen möchten. Heinrich Bedford-Strohm, zur Zeit der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), hält die Forderungen der PEGIDA-Bewegung, die ähnlich empört wie Voß auf die BILD-Lügengeschichte reagierte, für unvereinbar mit dem christlichen Glauben und fordert eine deutliche Positionierung der Kirchen, sowie eine deutliche Abgrenzung gegenüber Fremdenhass und Islamfeindlichkeit. Voß schreibt zwar in einem Satz einer einseitigen und immer noch unreflektierten Stellungsnahme zu den seiner Meinung nach Falschinformationen über ihn, dass er nicht der PEGIDA-Bewegung angehört, keine ihrer Demonstrationen besucht hat oder deren Meinung teilt, plädiert aber auch in diesem Beitrag ausführlich für seine Positionierung zu Nouripours angeblicher Forderung. Michael Voß hat offensichtlich Angst vor einer drohenden Islamisierung des Abendlandes und plädiert deshalb für die strikte Trennung dieser beiden Religionen.

Fazit: „Wehret den Anfängen!“

Der Sachebene des Konflikts mag harmlos erscheinen, denn dass es auch schlechte Journalisten geben muss, verwundert sicher niemanden. Auch das Menschen keine Bereitschaft zeigen, ihre nachweislich falschen Positionen im Zuge einer vernünftigen Einsicht aufzugeben, überrascht nicht wirklich. Journalismus ist aber eine wichtige Säule unserer Demokratie, weshalb Kritik und Aufarbeitung von Fehlern, wie sie Michael Voß begangen hat, wichtig ist. Das will Voß nicht einsehen, genauso wenig wie seine zum Glück nur wenigen UnterstützerInnen in den sozialen Netzwerken. Auffällig oft sind das Menschen mit neu eingerichteten und bisher leeren Facebook- und Twitter-Accounts, die mir und anderen vorwarfen, einen Journalisten einzuschüchtern und mich u.a. auf eine Twitter-Liste namens „Antidemokraten“ setzten (u.a. zusammen mit nd-Journalist Fabian Köhler, dem SPD-Politiker Ralf Stegner und Bundesjustizminister Heiko Maas). Diese Menschen haben sich im Zuge der PEGIDA-Bewegung auf den sozialen Netzwerken angemeldet und versuchen hier Einfluss auf derartige Debatten, wie die um Voß seinen islamophoben Tweet, zu beeinflussen.

Dass ihn auch Familie und Bekannte auf Facebook und Twitter unterstützen, ist nachvollziehbar, denn sie kennen sicher eine ganz private Seite an Voß, die mit seinem Beruf und der gesellschaftlichen Bedeutung des Journalismus wirklich nicht vermischt werden sollte. Nicht unerwähnt sollte aber bleiben, dass mehrere Mitarbeiter des MDR meine Kritik an Voß teilten und Sympathie dafür zeigten. Einige schrieben mir und berichteten auch von Voß‘ vermeintlich schlechtem Charakter, der sich mir auch in seinem Umgang mit meiner Kritik und den wirklichen Falschdarstellungen seinerseits offenbarte. Er schrieb den ersten Blogeintrag über die Debatte, in dem er Kritik an seiner Person als Falschdarstellungen und Einschränkungen der Meinungsfreiheit darstellte und fiel bisher allein durch Drohungen mir gegenüber auf. Diese MDR-Interna kann ich nicht einordnen, weshalb ich nicht näher darauf eingehen möchte, das falsche Verhalten von Voß sollte aber einmal dokumentiert sein.

Schlimmer ist aber die tiefere Ebene des Konflikts, die voll von islamophober Emotionen ist. Ich glaube nicht, dass Michael Voß an sich ein gefährlicher Mensch ist, seine Äußerung und sein Umgang mit der Kritik daran, sind aber meiner Meinung nach Grundstein für Schlimmeres. Denn wie schon der Antisemitismus eine Reaktion konservative Kräfte in Deutschland auf den angeblich existierenden „Semitismus“ war, den es weder als geistige noch politische Größe gab, sind christlich motivierte Abgrenzungen gegen andere Religionen, wie Voß es uneinsichtig praktiziert, eine klare Ablehnung von etwas angeblich andersartigen, das durch die vermeintliche Notwendigkeit dieser Abgrenzung illusorisch und gefährlich erscheint.

Entschuldigung, aber langsam reicht es„, wie Michael Voß auf Twitter und in seinem Blog schrieb, ist die drohende Ankündigung der Folgen dieses islamophoben Ressentiments. Was folgt, wissen wir aus der deutschen Geschichte. Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, hat daran erst in ihrer Rede auf dem Münchner Platz der Opfer des Nationalsozialismus am 29. Juli 2014 erinnert: „Ressentiments, Stigmata, Verschwörungstheorien und Vernichtungsphantasien – neuer und alter Stoff aus dem Giftschrank der Menschenverachtung. Kein Mittel ist zu kaltherzig, zu roh, zu widerlich, als dass man davor zurückschreckt. Der Hass kennt bisweilen keine Grenze mehr. Er verändert dieses Land. Er verändert unsere Heimat.

Die Rede bezieht sich auf den historischen Umgang der Deutschen mit ihren jüdischen Mitbürgern, doch im Grunde ist jede religiöse Minderheit davon betroffen und wie sich unser Land durch Ausländerfeindlichkeit und Islamophobie verändert, konnten wir in den 1990er Jahren an der menschenverachtenden Asylpolitik der Kohl-Regierung erkennen oder dem Umgang mit muslimischen Mitbürgern nach den Terroranschlägen am 11. September 2001, der wohl auch zur gefährlichen Verharmlosung der Mordserie führte, die später dem rechtsradikalen Trios des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) zugeschrieben werden konnte.

Deshalb ist es wichtig, sich gegen anfänglich harmlos erscheinende Äußerungen und Argumentationen, wie die von Michael Voß, möglichst früh zu erheben. Auch wenn es für einige Beobachter übertrieben und albern erscheint. „Wehret den Anfängen„, mahnt Knobloch an und kritisiert, passend zur verteidigenden Argumentation von Michael Voß, dass Grundrechte wie die Meinungsfreiheit, perfide missbraucht werden um radikale Ansichten gegen Religionen zu verbreiten. Das muss aufgedeckt, benannt und kritisert werden, denn Islamophobie ist in seiner konsequenten Weiterentwicklung, genauso wie Faschismus und Antisemitismus, ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Um so mehr sollte ein Journalist des öffentlich-rechtlichen Rundfunk sich dabei nicht ertappen lassen.

Update: Und er bewegt sich doch. Zumindest ein bisschen. Der MDR-Journalist Michael Voss hat die auf diesem Blog geäußerte Kritik zum Anlass genommen, um mit dem grünen Bundestagsabgeordneten Omid Nouripour zu telefoniert. Er hält es zwar weiterhin „persönlich nicht für sinnvoll„, dass es zu einem Austausch von Liedern zweiter Religionen kommt, was ihm zugestanden werden kann, akzeptiert aber nach dem Telefonat die von Nouripour die ganze Zeit artikulierte Freiwilligkeit eines solchen Austauschs, gegen die Voß jetzt „nichts einzuwenden“ hat. Omid Nouripour hat sich mit Voß auch über dessen Formulierung „Entschuldigung aber langsam reicht es“ unterhalten und ihn auf die in diesem Blogpost bereits angesprochenen Interpretationen hingewiesen. Zum ersten Mal bezog Voß zu dieser viel kritisierten Formulierung Stellung und wies daraufhin dass es ihm „nicht um eine mögliche Islamisierung gehe„, sondern dass „immer mehr Entgegenkommen nur auf Seiten der Christen“ gesucht wird. Diesen Eindruck habe ich zwar nicht, aber das ist ein anderes Thema.


Teaser & Image by Valdete Hasani (CC BY-SA 3.0)