Wenn Journalismus „Brandstiftung“ betreibt

Das medienkritische BILDblog hat am Montag ein weiteres Beispiel für die verlogene Redaktionsarbeit der BILD-"Zeitung" aufgedeckt. Mats Schönauer hat sich mit dem Artikel "Christen …

Das medienkritische BILDblog hat am Montag ein weiteres Beispiel für die verlogene Redaktionsarbeit der BILD-„Zeitung“ aufgedeckt. Mats Schönauer hat sich mit dem Artikel „Christen sollen im Weihnachts-Gottesdienst muslimische Lieder singen“ der beide Autoren Karina Mößbauer und Ralf Schuler befasst und zeigt in seinem Beitrag auf, dass die angebliche Forderung von PolitikerInnen eine reine Lüge ist. Der u.a. zitierte Bundestagsabgeordnete der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen, Omid Nouripour, erklärte noch am Montag, dass er die Frage von Karina Mößbauer, „ob es nicht eine schöne Idee wäre, wenn in christlichen Weihnachtsgottesdiensten muslimische Lieder gesungen würden„, mit einem Nein beantwortete. Er antwortete weiter: „Wenn, dann sollte es eine Art Tausch geben: Muslimische Lieder in der Kirche, christliche Lieder in der Moschee.

Eine „tolle Idee„, antwortete Mößbauer laut Nouripour, denn sie hatte ihre Schlagzeige und die PEGIDA-Bewegung wieder etwas für die an dem Abend stattfindenden Demonstrationen zu bereden. Die Kommentare unter dem Artikel und in den sozialen Kanälen der BILD-„Zeitung“ sprachen Bände, wie Schönauer in seinem Artikel ebenfalls aufzeigt. Auch meine Community, vor allem aus Leuten bestehend, die was mit Internet und/oder Medien machen, zeigte sich aufgrund der Recherche des BILDblog zufrieden und teilte engagiert den Artikel. Gerade JournalistInnen haben da eine besondere Verpflichtung, denn ihre erklärende Rolle ist in unserer Gesellschaft wichtig, auch wenn nicht alle sich dieser Verantwortung bewusst sind, wie Christian Stahls Appell an uns Journalisten zeigt.

Ein Tweet und seine… Wahrheit

Am Montagabend um 23:22 Uhr las ich den Tweet von Michael Voß, Journalist bei MDR Info und dort für die digitalen Themen zuständig, der scheinbar weiterhin Mößbauers Schlagzeile Glauben schenkte und twitterte:

Ich wies daraufhin, dass die Geschichte von den beiden BILD-Autoren Mößbauer und Schule erfunden ist und verlinkte in meinem Tweet den darüber aufklärenden Artikel des BILDblog-Autors Schönauer.

Thomas Großbölting: Gerade die Kirchen sind in der Verantwortung, sich gegen PEGIDA zu engagieren.

BILDsche „Brandstiftung“ kann man nicht relativieren

Heute Vormittag entstand ein Streitgespräch mit diesem MDR-Mitarbeiter, der sich überraschend und traurigerweise als unbelehrbar herausstellte. Voß meinte, sich stets zur nachweislich erfundenen Aussage der BILD-„Zeitung“ positionieren zu müssen. Allein die Andeutung eines Tauschs von Liedgut, wie Nouripour es ergänzend als bessere Alternative zu seinem Nein vorschlug, veranlasste ihn dazu. Er ignorierte durchgehend, dass die Schlagzeile der BILD-„Zeitung“ erfunden ist und bewertete deren erfundenen Inhalt, den er als „Schwachsinn“ einstufte.

Obwohl ich auf diese inhaltliche Bewertung (die erschreckend tief interpretierbar ist) nicht einging und weiterhin ihn, den Journalisten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, zu überzeugen versuchte, dass er, durch seine Positionierung zur erfundenen Schlagzeile der BILD-„Zeitung“, diese aufwertet, indem er sie zur Grundlage einer Debatte um religiöses Liedergut machte. Doch Voß ging darauf nicht ein, nannte meine Argumentation „abenteuerlich„, obwohl dies nur sehr milde auf ihn bezogen werden konnte.

Ich machte einen Screenshot der Debatte, dachte an einen Artikel, aber unternahm erst einmal nichts, denn über so ein heikles Thema sollte man in Ruhe schreiben und nicht in der Hitze der Debatte. Anders Voß, der nur wenige Minuten später bereits selber bloggte und mir vorwarf, als „angeblicher Verteidiger der Meinungsfreiheit„, worum es in unserem Streitgespräch auf Twitter nicht einmal ging, selber andere Meinung als gering zu bewerten. An keiner Stelle kritisierte ich seine Meinung, ohne dieses Nichtstun schon als Wertung verstehen zu wollen. Mir ging es darum, dass ein Journalist öffentlich Lügen aufwertet, die inhaltlich der PEGIDA-Bewegung als Argumentation dienen.

Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps? Nein!

"Hier privat" – Zeichen für sogenannten Auskenneralarm (Bild: Gerald Fricke)
„Hier privat“ – Zeichen für sogenannten Auskenneralarm (Bild: Gerald Fricke)

Voß regte sich auch darüber auf, dass ich durch die Nennung seines Berufs und seines Arbeitgebers, „die Privatmeinung noch mit dem Beruflichen“ verknüpfe. Als ob es das noch brauchte, wenn jemand in seiner Twitter-Biografie schreibt: „Quadromedialer Journalist | berichtet bei @MDRINFO aus der digitalen Welt | Internet | Christ | hier privat“. Das „privat hier“ ist genauso sinnlos, wie mein „Opinions are my own. RT + Links ≠ Endorsement.“ Brendan Gallagher hat das sehr gut auf Complex.com erklärt: „We get it. You don’t want your boss to fire you for the dumb shit you write on Twitter. This is the wrong way to go about it. First of all, if you say something stupid on the Internet and the Internet recognizes the stupidity of the thing you said, there is no saving your job.

Jemand wie Voß wird in erster Linie als Journalist des MDR wahrgenommen. Mir ist schon klar, dass nicht jede geäußerte Meinung eines MDR-Mitarbeiters, die des Senders darstellt, aber andererseits erwartet man auch von Sendern, wenn ihre Mitarbeiter sich falsch verhalten, dass reagiert wird. Das ist im Falle von Voß sicher (noch) nicht notwendig, aber der am Wochenende gekündigte RTL-Reporter, weiß jetzt sicher, wovon Gallagher hier spricht. Ich verknüpfe also nichts, was nicht zusammen gehört, sondern zeige diesen wichtigen Zusammenhang bewusst auf.

Der zuerst interviewte Herr mit Mütze stellte sich später als RTL-Reporter heraus.

Auch Journalismus hat Verantwortung

Marcel Leubecher, Politikredakteur von Die Welt, kommentiert den Fall des RTL-Reporters folgendermaßen: „Dämlich ist die ganze Geschichte vor allem deshalb, weil jene Abendlandsfreunde, die in ‚den Medien‘ eine große Täuschungsmaschinerie sehen und der ‚Systempresse‘ nur das schlechteste unterstellen, nun scheinbar bestätigt bekommen, was sie ’sowieso schon immer gewusst‘ haben.

Später wird es dann vielleicht auch zu Voß heißen, selbst „der MDR-Journalist Michael Voß kritisiert die [eingebildete Angst einfügen]„, um später darum ergänzt zu werden, dass „wenn ein Journalist mal die Wahrheit sagt, er von linken Bloggern“ [Touché!] gleich attackiert wird. Ähnliches vernahm man schon nach der Kündigung von Ken Jebsen oder der Kritik an Udo Ulfkottes Buch „Gekaufte Journalisten“.

Leider gibt Voß mit seinen unüberlegten Tweets diesen Abendlandsfreuden weitere Bestätigung. Sein im Tweet und Blogpost verwendetes „Entschuldigung, aber langsam reicht es.“ klingt genauso verharmlosend, wie die Bekundung, der PEDIGA-AnhängerInnen, nicht ausländerfeindlich, sondern nur besorgt zu sein. Vor was? Genau, eingebildeten Ängsten. Angefeuert durch falsche Behauptungen. Das ist es, was Michael Voß leider nicht versteht.

Update I: Auf radioeins findet sich ein sehr hörenswertes Kommentar vom Tagesspiegel-Chefredakteur Lorenz Maroldt, der die perfide Schlagzeile als „braune Wutwallungsbrühe“ bezeichnete und diese „politische Schizophrenie“ als weiteres Öl in das PEGIDA-Feuer kritiserte.

Update II: Michael Voß hat noch einmal gebloggt und wieder keine Einsicht gezeigt, seine Meinung zur erfundenen BILD-Geschichte mit seinem christlichen Glauben begründet (dazu der weiter oben embeddede Hörtipp auf Soundcloud) und mir wiederholt vorgeworfen, dass ich seine Meinung nicht akzeptiere. Bisher ging es mir nicht um seine Meinung, weshalb ich sie bisher auch nicht kritisiert habe, die aber bei näherer Betrachtung immer mehr dem PEDIGA-Umfeld zuzuordnen ist. Mich störte bisher einzig und allein sein unprofessionelles, unverbesserliches und gefährliches Verhalten als Journalist, der nachweislich falsche Behauptungen wie Fakten behandelete und somit eine Grenzen ziehende Auseinandersetzung über religiöses Liedgut auf Basis von Lügen praktizierte. Oben hatte ich ja bereits erklärt, warum es hier „eine private Meinung“ nicht geben kann, was Voß aber weiterhin nicht einsehen will und meine Aussagen weiterhin falsch darstellt und absichtlich missinterpretiert. Für einen Journalisten, besonders des MDR, in dessen Sendegebiet die bisher schlimmsten PEGIDA-Demonstrationen waren, die NPD oft und zuletzt die AfD bei Landtagswahlen erfolgreich waren, sollte man mehr erwarten können. Besonders für seine Rolle als sich öffentlich äußernder Journalist.


Image by Bündnis 90/Die Grünen Nordrhein-Westfalen (CC BY-SA 2.0)