Olympia 2012: Nutzungsrechte über fucking alles!

Am 27. Juli 2012 starten die XXX. Olympischen Spiele in London und bereits jetzt gibt es viel Kritik für das Internationale Olympischen Komitee (IOC), das in einigen Richtlinien ein Verständnis für moderne Kommunikation zu haben scheint, wie es im Jahr 2012 schon nicht mehr vorstellbar war.

Den Anfang der vielen Kritikpunkte machte vor einigen Wochen die Meldung, dass es dem Hauptsponsor der Olympischen Spiele, dem Telekommunikationsunternehmen O2, erlaubt sei, Konkurrenten in bestimmten Gebieten des Veranstaltungsort, einfach zu blockieren. In diesen sogenannten “Corporate Zones” ist es O2 wirklich erlaubt, die Frequenzen von anderen Providern zu stören. Dabei ist bisher nicht bekannt, wie groß diese “Corporate Zones” sind und wo denn die freien Gegenstück, sogenannte “Shares Public Areas”, genau sind. Dies stellt einen erheblichen Eingriff in die Netzneutralität dar, wird aber durch das britische Recht in Form des “London Olympic Games and Paralympic Games Act” geschützt, der der Marke “Olympia” eine Sonderstellung zuteil werden lässt.

Falls BesucherInnen wirklich Empfang haben sollten, müssen sie sich aber strikt an die sehr strikten Nutzungsbedingungen des IOC halten. So ist es zum Beispiel verboten, auf Twitter den Hashtag #London2012 zu nutzen, denn dieser ist für Werbezwecke einzig und allein den Sponsoren vorbehalten. Das mag noch halbwegs vernünftig erscheinen, um Sponsoren einen Vorteil gegenüber Nicht-Sponsoren einzuräumen, von angemessenen Maßnahmen kann beim Eingriff in die Kommunikation der Menschen aber nicht mehr die Rede sein. Und Twitter macht bei der ganzen Geschichte auch noch mit. So wurde zum Beispiel der Account zur Protestseite “Official Protesters of the London 2012 Olympic Games” von Twitter innerhalb kürzester Zeit gelöscht, da nicht nur der besagte Hashtag benutzt wurde, sondern  sich im Avatar der Seite auch Teile des offiziellen Logos wiederfanden.

Inzwischen bestätigte der IOC zwar in einem Tweet, dass es erlaubt ist, Fotos von der Veranstaltung zu machen und zu verbreiten, aber ähnlich wie bei Twitter könnte es bei einer vermuteten kommerziellen Nutzung, z.B. beim Verdacht auf Guerilla Marketing, zu Maßnahmen wie Löschungen oder Sperrungen kommen. Es ist nicht anzunehmen, dass in so einem Verdachtsfall lange überlegt oder recherchiert wird. Wahrscheinlich fürchtet ein Unternehmen wie Adidas, die über 100 Mio. Euro gesponsert haben, dass viele BesucherInnen mit Mützen des Herstellers Nike fotografiert werden, der kein Sponsor der Olympischen Spiele ist. Wer Fotos von seinem Ausflug zu den Olympischen Spielen auf sein durch Werbung finanzierten Blog stellt, wird sich ähnlich wie von der FDP im Leistungsschutzrecht geplant, als kommerzieller Betreiber vor Gericht erklären müssen.

Die Veröffentlichung von Fotos und die Kommunikation von/über die Olympischen Spielen ist also auch nicht-gewerblich agierenden BesucherInnen nicht vollends und ohne mögliche Einschränkungen gestattet. Akkreditierte JournalistInnen, MitarbeiterInnen und teilnehmende SportlerInnen der Spiele in London dürfen weder Fotos, Videos oder persönliche Stimmungen twittern. BloggerInnen ist es verboten über die Spiele zu berichten, denn das ist wiederum nur den akkreditierten JournalistInnen erlaubt. Es ist nicht einmal die Verlinkung in einem nicht gewünschten Kontext gestattet, besonders wenn dieser Kritik an den Olympischen Spielen übt. Bei der Lektüre der Richtlinen nicht auf den Gedanken zu kommen, dass das IOC hier Zensur ausübt, ist wirklich schwer. Es bleibt jetzt schon festzuhalten, dass es eine Rechtsunsicherheit für BesucherInnen der Spiele gibt, denn wenn auch eine lückenlose Überwachung wohl nicht erfolgen wird, ist mit Klagen im Nachgang der Spiele durchaus zu rechnen.

Hier geht es zwar nur am Rande um das UrheberInnenrecht, denn das Markenrecht ist hier wohl zutreffender. Das Niveau der Maßnahmen zum Schutze von etwas kaum schützbaren, auf Kosten der Rechte von Menschen, ähnelt aber erheblich der verwandten Debatte. Durch die Olympischen Spiele werden zum Beispiel Prinzipien wie die Netzneutralität oder die Meinungs- und die Pressefreiheit in einem Maße eingschränkt, wie es in einer westlichen Demokratie nicht vorstellbar sein sollte. Diese Bevorzugung eines einzelnen Unternehmens ist meines Erachtens auch nicht damit zu erklären, dass ein Unternehmen wie O2 oder Adidas, als Sponsoren der sehr teuren Spiele, bestimmte Privilegien eingeräumt werden müssen, denn der Großteil der Spiele wird durch die Steuern der britischen Bevölkerung finanziert. Schon jetzt sind die Kosten von ehemals geplanten 2,87 Mrd. Euro auf über 13,5 Mrd. Euro angewachsen. Die Olympischen Spiele von London 2012 haben jetzt schon einen neuen Höhepunkt in der Kommerzialisierung des Sports erreicht, weshalb die Verteidigung und Durchsetzung von Nutzungsrechten wichtiger gewurden sind, als ehemals mit den Spielen verbundene Werte.

15 Kommentare

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