„Es fährt ein Zug nach Nirgendwo“

Es war ein Angriff mit Ansage. Bereits vor vier Wochen saß mir ein auf Landesebene aktiver Berliner Kulturpolitiker gegenüber und mahnte mich, meine gegenüber …

Es war ein Angriff mit Ansage. Bereits vor vier Wochen saß mir ein auf Landesebene aktiver Berliner Kulturpolitiker gegenüber und mahnte mich, meine gegenüber den Kreativen angeblich unsolidarische Haltung, noch einmal zu überdenken. Eine breite Kampagne werde in wenigen Wochen auf uns alle zu kommen. Es klang nach einer schöpferischen Sintflut, die uns morallose Netzpolitiker über den Rand der Erde spülen würde. Ich wollte nicht glauben.

Meinen Augen wollte ich dann aber nicht glauben, als diese Kampagne in einer schrecklich dilettantischen Art und Weise wirklich los ging. Während Sven Regeners Wutausbruch noch als spontan explodierende und lang angestaute Verzweiflung über diese nicht mit alten Denkmustern zu fassende Digitalisierung betrachtet werden kann, wirken doch der offene Brief der 51 Tatort-Autoren und die 14 Seiten im Handelsbatt, wie geplante Aktionen von an sich vernunftbegabten Menschen. Leider sind sie das wohl doch nicht. Bisher haben die beiden Kampagnen, die Urheberrechtsdebatte nur um ein paar Lacher, Kopfschütteln und diversen Peinlichkeiten bereichert, zu gleich aber aufgezeigt, dass es eine stark manipulierende und aktive Lobby gibt. Dem Brief der 51 Tatort-Autoren stellte der Chaos Computer Club e.V. noch am gleichen Tag, eine in Polemik gleichwertige, aber in den Fakten weit überlegene Antwort online, die keiner weiteren Worte bedarf.

Zum die Aktion des Handelsblatt einleitenden Artikel von Sven Prange, möchte ich auch nicht viel mehr schreiben. Aussagen wie, dass viele „Blogs und Foren vor allem reproduzieren“ also „alles schmarotzen aus der reellen Welt”, machen mich einfach zu wütend und Thomas Knüwer hat sich seinem ehemaligen Kollegen schon treffend genug auf seinem eigenen Blog angenommen. Die Aktion des Handelsblatt selbst, unter dem vielsagenden Titel „Mein Kopf gehört mir!“, ist genauso interessant und wurde strategisch clever an einem Gründonnerstag veröffentlicht. So bekam sie zwar kurzfristig viel Aufmerksamkeit, dadurch, das sie aber nur in der Printversion der Zeitung verfügbar war und die Osterferien schon angefangen hatten, fiel die mediale Kritik bisher kurz und knapp aus. Der anfängliche Verzicht auf die Online-Berichterstattung, lässt sich nur mit dem fürsorglichen Schutz dieser 100 Köpfe erklären, denn das Internet vergisst ja bekanntlich nie. Zum Glück gab es diese 14 Seiten mit ihren 100 Köpfen schnell auch digitalisisert, so das diese sinnfreien Aussagen bis in alle Ewigkeit durch die Weiten des Internets geistern werden. Inzwischen hat das Handelsblatt diese Menschen aber auch schon selber, fein säuberlich nach Berufsgruppe gesplittet, an den Pranger gestellt.

Das der Chefredakteur des Handelsblatt, Gabor Steingart, kein Freund einer Reform des Urheberrechts ist, hat sein von Matthias Spielkamp veröffentlichter Standardbrief an Autoren des Handelsblatts, bewiesen. Würde sich wirklich etwas verändern, könnten Verleger wie Steingart, wohl kaum noch Kreative finden, die Buy-Out-Verträge, wie sie beim Handelsblatt wohl üblich sind, unterschreiben. Die Folge wäre, dass eine faire Vergütung durch den Verlag auf jegliche Verwendung des Content eintreten könnte. Kreative würden dann erkennen, dass das Nutzerverhalten oder das Internet, kaum Einfluss auf die Monetisierung ihrer Werke hatte, sondern wirklich, wie oft von Netzpolitikern behauptet, das ganze Problem schon die ganze Zeit, an den sich Rechte anmaßenden Verwertungsgesellschaften lag.

Wessen Geistes Kind Steingart ist, bewies er aber wieder einmal mit der Auswahl dieser 100 Köpfe, dieser „Denker, Tüftler und Dichter„, die im Handelsblatt fordern: „Auch künftig muss, wer immaterielle Werte schafft, entlohnt werden.“ Diese 100 Kreative sind genau genommen nur 26 wirklich als Kreative arbeitende Menschen, aber insgesamt 47 Manager, die hauptsächlich aus der Verwertungsindustrie kommen und von Buy-Out-Verträgen und Abmahnungen profitieren. Dazu kommen wunderbar einseitig positionierte 8 Lobbyisten, noch 8 Politiker, 6 Professoren und 5 Leute, deren Tätigkeit nicht genau eingeordnet werden kann.

Die Auswahl der Meinungen ist für das Handelsblatt beschämend und auch diese 26 Kreativen tuen ihren Berufskollegen mit solchen Aktionen keinen Gefallen. Der Eindruck, das durch ein paar Strohmänner hier nur vorgetäuscht wird, die Interessen von Kreativen zu vertreten, ist leider wahr und tut der Debatte um eine notwendige Modernisierung des Urheberrechts nicht gut. Es kann nicht sein, dass Verlage und andere Profiteure der jetzigen, rückständigen Ausgestaltung des Urheberrechts, wenige auf Aufmerksamkeit wohl sehr angewiesene Kreative dazu instrumentalisieren, um ihre Verwertungsrechte aus der physischen Welt unverändert in die digitalisierte Welt zu übernehmen. Jegliche Reformbemühungen, sei es von Grünen, den Piraten oder der Zivilgesellschaft, setzen sich deshalb nicht, wie oft falsch behauptet, für eine Abschaffung des Urheberrechts ein, sondern wollen eine Stärkung der Urheberrechte, die den Kreativen und den nicht mehr zu kriminalisierenden Nutzern, wirklich dient.

Das Blog Netzpolitik.org will erfahren haben, dass es in nächster Zeit noch mehr Aktionen für ein restriktiveres Urheberrecht geben soll. Wenn die argumentativ genauso schwach und von der Vorgehensweise peinlich sind, wie der offene Brief der 51 Tatort-Autoren und diese so eindeutig als Lügenpropaganda zu identifizierende Aktion des Handelsblatt, muss man sich nur Sorgen um die Debattenkultur in Deutschland machen und hoffen, dass noch mehr vernünftige Menschen erkennen, das eine Modernisierung des Urheberrechts notwendiger denn je ist und jede Verzweiflungstat der Verwertungsindustrie dies nur noch unterstreicht.

Ein Tweet hat mich auf eine interessanten Fakt aufmerksam gemacht. Schon einmal versuchten 100 Kreative durch eine veröffentlichte Broschüre, eine fortschrittliche und die bisherige Lehre revolutionierende Idee, zu kritisieren und zu unterbinden. Diese Broschüre erschien 1931 unter dem Titel „Hundert Autoren gegen Einstein“ und versuchte die Relativitätstheorie zu diskreditieren. Wie beim Handelsblatt war auch hier die Zusammenstellung der Autoren mehr als zweifelhaft. Lediglich ein Physiker und drei Mathematiker waren unter den 100 Autoren und über die Hälfte der Autoren waren wesentlich älter als Albert Einstein und konnten mit dieser modernen Theorie der Physik, die die Lehrmeinung für immer verändern sollte, nichts anfangen, weshalb sie so stark da gegen vorgingen. Doch wie schon damals, wird sich auch bei der Digitalisierung, das Rad der Geschichte nicht zurückdrehen lassen. Wer jetzt nicht erkennt, das das Wasser einer digitalen Sintflut, ihm schon bis zu den Knöcheln steht, wird bald bis auf die Knochen durchnäßt sein. Und wer auch in einer digitalen Gesellschaft weiter Geld verdienen möchte, sollte besser mit dem Schwimmen anfangen, sonst wird er untergehen wie ein Stein, denn die Zeiten ändern sich jetzt.

  • Pingback: ()

  • Das ist nicht ganz richtig. Unter den 100 Köpfen sind durchaus Gegenstimmen, die im ersten HB-Artikel einfach als ‚Pro‘ verwurstet wurden. Die Aktion war idiotisch, aber das Marketing war schon gut: Erst für einen Shitstorm sorgen, steigert die Auflage, dann mit Tatsachen rausrücken – darauf vertrauend, dass das eh keiner so genau liest. (Dazu auch hier und hier.

    • Isarmatrose

      Das stimmt natürlich, besonders die Politiker haben sich nicht so einseitig positioniert, egal auf welcher Seite und Renate empfiehlt ja sogar in ihrem Statement die Kulturflatrate.