Caballo de Alfonso Ugarte (Bild: Agostino Lodovico Marazzani Visconti, 1835-1914 [Public domain], via Wikimedia Commons)Die Debatte um das Leistungsschutzrecht (LSR) hat seit Sonntag Abend merkwürdige Züge angenommen. Auf der einen Seite steht die von Sascha Lobo treffend als Internetlobby dargestellte Gruppe von Menschen, die in dem Koalitionsbeschluss einen maßgeblich von der Verlagslobby initiierten Versuch sehen, diese durch Gesetze am Leben zu erhalten, die dazu das Internet in seinem freien Wesen beeinträchtigen wollen. Auf der anderen Seite stehen seitdem nur noch diffamierende und hetzende Lobbyisten, wie Michael Hirschler vom Deutschen Journalisten-Verband oder Axel-Spinger-Cowboy Christoph Keese. Beide schießen zur Zeit in einer unglaublich vorpubertären Art und Weise gegen jeden Diskussionsteilnehmer, der nicht ihrer Meinung ist. Meistens mit dreisten Lügen und Falschdarstellungen. Die Kommentare unter einem Gastbeitrag von Matthias Spielekamp für den Deutschlandfunk oder das Blog Der Presseschauder und die Twittertimeline von Christoph Keese, geben darüber informativ Auskunft und lassen einen eigentlich nur schlecht über die Arbeitgeber denken, die diese beiden Rowdys beschäftigen.

Warum? Warum dieser aggressive Ton? Warum überhaupt die Forderung nach einem Leistungsschutzrecht? Das Medienmagazin Werben und Verkaufen berichtete heute Morgen, dass es dem Axel-Springer-Verlag, bei dem Christoph Keese Chef-Lobbyist ist, wirtschaftlich ausgezeichnet geht. Grund dafür ist vor allem das Online-Geschäft. Ich leiste mir jetzt mal das Fauxpas und schließe von mir als Individuum auf die Mehrheit. Ich habe in den letzten Monaten die Online-Präsenzen von Zeitungen und Magazinen wie der Berliner Morgenpost, dem Rolling Stone oder Die Welt besucht – alles zu 100 Prozent Unternehmen des Axel-Springer-Verlages. Bei keinem einzelnen dieser Besuche habe ich aber die URL der Zeitung in meinen Browser eingegeben. Immer, ja wirklich immer, bin ich einem Link gefolgt, am meisten natürlich vom Nachrichten-Aggregator Google News. Angenommen so machen es viele Menschen, ist Google News das Tool, dass mich zu dem Artikel erst gebracht hat. Google News ist also die Grundlage des Erfolges der Online-Aktivitäten des Axel-Springer-Verlages.

Screenshot von der Erfolgsmeldung (Bild: www.axelspringer.de)

Theoretisch müssten die Verlage den Nachrichten-Aggregatoren dankbar sein. Ohne sie würden die Besucherzahlen viel geringer ausfallen. Nur noch eine kleinere, nicht sehr heterogene Gruppe an Lesern, würde die Websites besuchen. Niemand von außerhalb würde mehr auf die Idee kommen, diese vielleicht sehr schöne Insel des Online-Jouralismus zu besuchen, da es metaphorisch gesehen, keine Fährverbindung mehr dahin gibt. Warum sollte Google aber deshalb etwas an die Verlage bezahlen? Der öffentliche Nahverkehr muss dem Kino, zu dem ich hinfahren möchte, um mir einen Film anzusehen, ja auch keine Lizenz zahlen, obwohl es etwas durch den Fahrscheinpreis daran verdient hat, dass ich ins Kino wollte. Wahrscheinlich lief auf einer anderen Fahrt in der U-Bahn der Trailer, versehen mit einem kurzen Text zum Film, der mich sogar erst dazu brachte, den Film sehen zu wollen.

“Eine Zitier-GEMA für Inhalte braucht im Netz nun wirklich keiner, außer vielleicht Verlage in Geschäftsmodellnot.” – Robin Meyer-Lucht

Was beim Axel-Springer-Verlag schon keinen Sinn macht, ist bei Hubert Burda Media, auch so ein Laden voller LSR-Befürworter, noch fragwürdiger. Ein Burda-Tochterunternehmen, die TOMORROW FOCUS Portal GmbH, betreibt mit dem deutschen Nachrichten-Aggregator nachrichten.de ein Pendant zu Google News. Allerdings wird hier bei weiteren Meldungen nicht einmal mehr die Quelle genannt, was Verlage wirklich stören sollte. Die Burda-Lobbyisten setzen sich also dafür ein, dass ihr bisher kostenloses Geschäftsmodell hinter nachrichten.de, kostspielig wird. Das die meisten Verlage Geld von Google verlangen, weil sie ihre eigenen betriebswirtschaftlichen Hausaufgaben nicht gemacht haben und keine funktionierenden Internet-Konzepte erarbeitet haben, ist ja schon sinnlos genug, die Burda-Methode lässt aber ganz am wirtschaftlichen Verstand des Verlages zweifeln.

Der Patient Verlagswesen ist also nicht mehr ganz ernst zu nehmen, fordert er doch für sein angebliches Glück, ihn in tiefes Unglück zu stürzen. Nun ist es also Aufgabe der Politik, dieses Projekt zum Kippen zu bringen. Die Opposition hält vom Koalitionsbeschluss nicht viel und mit Michael Kretschmer, Vorsitzender der CDU-Arbeitsgemeinschaft Netzpolitik und Dorothee Bär, oberste Netzpolitikerin der CSU, haben sich öffentlich auch schon zwei namhafte Abgeordnete der Regierungskoalition, sehr skeptisch gezeigt, was ein mögliches LSR-Gesetz und die Absichten der Verlage angeht. Bleibt zu hoffen, dass am Ende doch alles gut ausgeht und die Verlage zur Vernunft gezwungen werden. Mit dem Fachausschuss für Urheber- und Verlagsrecht der Deutschen Vereinigung für gewerblichen Rechtsschutz und Urheberrecht (GRUR) kommt sogar ein natürlich auf der Seite von Verlagen stehende Institution zu dem Fazit, dass das Leistungsschutzrecht Bereiche erfassen soll, die schon vom Urheberrecht ausreichend geschützt sind. Ein Leistungsschutzrecht ist unnötig und eigentlich gerade zum Nachteil derer, die es lauthals fordern. Das muss man den Verlagen jetzt bloss noch schonend beibringen. Die passende Genesungskarte dafür gibt es aber wahrscheinlich noch nicht.

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  1. Pingback: Google startet Kampagne gegen das Leistungsschutzrecht | Logbuch des Isarmatrosen

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